Geburtsbericht [Geburt - 3h]

...FORTSETZUNG von Teil 1

22:35 CTG #5
Nach Abschluss des CTGs schreiteten wir langsam, ganz langsam zu Station 7. Ertappt! Im Zimmer angekommen, trafen wir auf meine Zimmergenossin, die sich in der Hoffnung auf ein Familienzimmer ebenfalls nicht so recht mit der Idee anfreunden konnte, ihren Mann zu verabschieden. Unsere Absprache: ruhig verhalten! Wir fühlten uns wie kleine Kinder, die nach dem Gute-Nacht-Kuss heimlich unter der Bettdecke ihr Buch im Leuchtkegel der Taschenlampe weiterzulesen versuchten. Zusammengekuschelt auf dem Bett liegend, hörten wir beide Musik und schauten eine Folge unserer Lieblingsserie an.

"WAS IST DENN HIER LOS?", mit den Worten der Nachtschwester fand die Idylle ein jähes Ende. Verständlicherweise war sie beim Anblick der beiden Männer not amused und fand deutliche Worte, die unsere Männer innerhalb von Minuten dazu bewogen Reißaus zu nehmen. Und doch war dieses zugegebenermaßen vollkommen unreife Verhalten unsererseits jede Minute, die wir noch gemeinsam verbringen konnten und jede Wehe, die mit bindannmalpapa im Arm veratmet werden konnte, es wert sich ein Mal im Leben der lieben Autorität zu widersetzen. Ein Stück Rebellion im Krankenhauszimmer.. hehe.


23:30 Allein, Allein...
Nun ja, nicht ganz. Neben mir ein schreiendes, wenige Stunden altes Baby, eine verständlicherweise überforderte, übermüdete Neu-Mami und ich. Ich - zusammengekauert im Bett - die immer heftiger werdenden Wehen veratmend. In den Schreipausen des Babys nun auch noch damit beschäftigt, das Baby nicht durch mein lautes Atmen zu wecken. Als ob ich nicht schon genug zu tun hätte... ;).

DAS WAR ES NUN ALSO? DER MOMENT AUF DEN ICH SO LANGE HINFIEBERTE? Die Stunden vor der Geburt sollte ich auf Anweisung der Nachtschwester nun also im Bett liegend ("Keine Widerrede!!") verbringen. ALLEINE. Wo war die wohlig warme, gemütliche, mit sanftem Nachtlicht gedämmte und nach Aromaöl duftende Atmosphäre des Kreißsaals, wie ich sie mir immer ausmalte. Lediglich meine Playlist vermittelte mir ansatzweise dieses Gefühl nach dem ich mich 10 Monate so gesehnt hatte.


23:45 SMS #1
"Ich liebe dich! Habe weiterhin Wehen. Versuch jetzt aber trotzdem mal die Äuglein zuzumachen. Mach du das auch. Mit Handy und Telefon neben dir kannst du beruhigt schlafen. Wir schaffen das, das weiß ich. <3"


0:00 Wehen-Timer// Ballonpumpe
Das Handy in der Hand kapitulierte ich schon nach kurzer Zeit und fragte mich, wie in aller Welt ich den gut gemeinten Tipp der Nachtschwester umzusetzen vermochte: "Schlafen Sie jetzt erst mal noch 10 Stunden." 

Der Blick auf den Wehen-Timer verriet: Ich hatte es mir nicht eingebildet, da waren sie: Wehen im 5-Minuten-Takt. Es war für mich unmöglich die Wehen weiter wie angewurzelt und in dieser angespannten Atmosphäre mit kreischendem Baby und "schsch"ender Mutter zu veratmen.

Ein Schub ging durch meinen Körper! Wie besessen griff ich nach dem Handy. Keine Wehe verpassen! Woher sollte ich sonst wissen, wann dieser verdammte 3-Minuten-Rhythmus anfing. Die Rebellionsphase hielt offenbar nicht lange an, denn nach der ersten Standpauke der Nachtschwester wollte ich schließlich eine weitere vermeiden, hielt mich also genau an das, was mir gesagt wurde. Wehe überstanden! Nachdem ich nun wieder klare Gedanken fassen konnte, entschied ich mich nun doch dafür, eine weitere Belehrung in Kauf zu nehmen, da ich die nächste Wehe komme was wolle keinesfalls hier im Zimmer veratmen konnte. Tschakaa..!

Ich sehnte mich nach meinen Gymnastikball! Sehnte mich nach meiner besseren Hälfte! Sehnte mich danach, all das, was wir schön artig zuvor im Kurs geprobt hatten, umzusetzen. Für den Ernstfall! Ich verzweifelte in diesen Minuten zusehends an meinem sonst so zuverlässigen Körpergefühl.Wo war es, wenn man es am ehesten braucht?! Den leisesten Anflug einer Erkältung erkennen, aber bei den aktuellen Wehen denken, es wäre soweit, wenn die erfahrene Hebamme doch noch vor einer Stunde erklärte, dass der Wehenschreiber untrüglich sei und ich mein Kind erst am nächsten Tag in den Händen halten würde. Druck! Woher kam auf einmal dieser Druck? Ich kletterte aus dem Bett, überzeugt die weiteren Wehen nun auf dem Flur zu veratmen, als sich auf einmal der Ballon löste. "Beim Lösen des Ballons ist Ihr Muttermund etwa 4cm geöffnet, es wird nur noch wenige Stunden zur Geburt dauern." Es war soweit!! 

0:32 SMS #2
"Ballonpumpe raus. Alle 5 Min Wehen. Geh zur Schwester."

Den Ballon in den Händen haltend, ging ich zur Nachtschwester - konnte mir das Grinsen nicht verkneifen - und bat darum in den Kreißsaal gehen zu dürfen. "Wenn Sie meinen, dann gehen Sie rüber und stellen sich vor. Mal sehen, was meine Kolleginnen sagen." Eine weitere Wehe folgte, die mich vor Schmerzen krümmen ließ....

0:42 SMS #3
"Kein Empfang!! Kann nicht anrufen.Geh in den Kreißsaal, schreib nochmal was sie sagen."

0:47 CTG #6

0:53 SMS #4
"CTG. Hab ständig Wehen. Halte dich bereit..."

0:54 SMS #5
"Nein, bitte komm!! Wir laufen über den Gang, wenn die uns nicht reinlassen. Ja?"

1:10 Worte vs. Gedanken: Was die Hebamme sagte, was ich dabei dachte...
Hebamme: "Die Wehen kommen sehr schnell aufeinander und sehr heftig. Ich muss sie kurz untersuchen."

[...Hab ichs doch gewusst... Warum glaubt mir hier niemand?...]

Hebamme: "OH, ihr Muttermund ist 9-10cm weit geöffnet. Lassen Sie alles hier liegen und kommen Sie mit mir, sonst kriegen Sie ihr Baby hier auf der Liege." 

[...Ich kann doch jetzt nicht nackt über den Gang laufen...]

Hebamme: "Lassen Sie das! Die Zeit haben wir nicht. Schnell!! Ach ja, und wenn ihr Mann bei der Geburt mit dabei sein möchte, rufen Sie Ihn jetzt an."

[...Gut, dass ich dies entgegen aller längst getan hatte. Aber warum müssen wir so weit vom Krankenhaus entfernt wohnen?...]

1:17 SMS #6
Ich: "Wie weit bist du?"

<3: "Bin da. Wo bist du?"

Ich: "Geradeaus." "Kreißsaal 2." "Station." "Also nee, Entbindung." 

1:19 CTG #7/ SMS #7
<3: "Ich komme nicht in die Entbindungsstation. Hier ist NIEMAND!! Es macht keiner auf."

Wie auch? Wenn die letzte noch verfügbare diensthabende Hebamme bei mir hier im Kreißsaal auf und ab lief. Von CTG zu Telefon, und zurück.

Im Kreißsaal angekommen. Unmöglich kann ich jetzt schon wieder liegen. WEHE"Ich will auf den Gymnastikball?", kam aus mir herausgeschossen. "Haha, Sie machen Witze! Sie legen sich jetzt auf die Liege. Dafür ist es zu spät." Anschließen ans CTG. "Ihr Baby steht unter Stress." WEHE. Infusion. Die kalte Flüssigkeit durchströmt meine Adern. Schon wieder friere ich! Wer bloß hat mir erzählt, dass es im Kreißsaal so unglaublich heiß sein soll? Beim Überziehen der dicken Wollweste bemerke ich meinen Schlafanzug. Die Kliniktasche! Oh nein, all meine Sachen, die ich penibel zusammengestellt hatte, die Wohlfühlkleider, das Öl, der Massageball, die Getränke... all das liegt auf Station. Unmöglich kann ich dort hinlaufen. Oder soll ich fragen? WEHE. Es wirkt alles so verschwommen. Wo ist mein Schatz? Handy. Wo ist mein Handy?

ENDLICH!! Seine Stimme!! Oh Gott, danke!! Alleine seine Stimme zu hören, beruhigte mich, seine Hand zu halten, ein Traum. Nicht mehr alleine. Wir werden das schaffen.

SAT NAM... dahinter höre ich dumpf wie die Hebamme meinem Mann erklärt, dass alle Ärzte in Kreißsälen sind und in dieser Nacht der 19 Geburten leider kein Arzt mehr verfügbar ist. Sie stolpert! "Ist Ihr Infusionskabel noch drin?" Tränen in den Augen. Nicht ich, die Hebamme. Die Geräusche des Wehenschreibers.
SAT NAM... "Ich muss Sie darüber aufklären, dass es Ihrem Baby schlecht geht." Immer und immer wieder geht mir noch heute dieser Satz durch den Kopf!! Erneut der Griff zum Telefonhörer. Angst! 10 Monate ging alles gut.. Warum? Warum hat mir niemand geglaubt? SAT NAM. Gott sei Dank bin ich nicht mehr alleine. Die Berührungen helfen. SAT NAM. Ich zittere unaufhörlich am ganzen Körper. Kann nur noch meinen Atem kontrollieren. Augen zu. Die ganze Zeit. Knöpfchen, bitte komm zu uns. Lieber Gott, steh mir bei. SAT NAM. 

1:45 CTG
Die Türe öffnet sich. "Frau S., warum haben Sie es denn so eilig?" Ich öffne kurz die Augen. Will antworten, da wird mir erneut die Sauerstoffmaske über den Mund gehalten. Die junge, blonde Frau stellt sich mir vor - es ist die Oberärztin. Sie lächelt! Es wird alles gut gehen. Wird es doch, oder? "Ihr Baby steht unter enormem Stress, konzentrieren Sie sich und pressen Sie bei der nächsten Wehe ganz fest." Wie bitte? Pressen? Jetzt schon? Hier läuft ja gar nichts nach Lehrbuch... 

Ich dachte nach der Eröffnungsphase kommt die Übergangsphase. Warum hatte mir denn niemand gesagt, dass ich in der bereits angelangt war und daher auch ganz anders hätte atmen müssen? Ok, egal, dann also jetzt die Atemtechnik fürs Pressen. "NEIN! Nicht die Luft rauslassen", entgegnete mir die Ärztin sofort. "Aber ich dachte...", wieder nahm ich die Sauerstoffmaske ab. "Pressen Sie mit all ihrer Kraft, dass Ihr Baby bei der nächsten Wehe kommt." Was erzählt diese Frau denn da? Laut Hebi... sollte ich doch ganz anders atmen. Laut Hebi... sind wir doch auch noch gar nicht in der Austreibungsphase. Laut Hebi... soll ein Baby doch nicht nur mit einer Presswehe kommen, da das Risiko von Verletzungen sonst viel zu hoch ist.

Oh nein, war da etwa die EINE Wehe bei der unser Kind hätte kommen sollen? Ich reiße mit voller Wucht die Maske von meinem Mund und ein Verzweiflungsschrei durchdringt den Kreißsaal: "ICH SPÜRE NICHTS MEHR! Ich weiß nicht mehr, wann ich atmen muss. Ich weiß gar nichts mehr. Oh nein..." "Ich helfe Ihnen, ich sage Ihnen, wann Sie atmen müssen.", entgegnete mir die Ärztin in ihrem ruhigen, besänftigenden Ton. "JETZT!!" Ich presste mit aller Kraft. "Die Richtung stimmt... Jaaa.". Gott sei Dank...es wird doch noch alles gut... Oder doch nicht? Das Baby hätte doch mit dieser Wehe schon kommen sollen...

Alles wird bruchstückhafter. "Ihr Baby hat braune Haare, wir sehen schon das Köpfchen", so die Hebamme. Mein Kopf bei jeder Wehe von meinem Mann auf Anweisung der Ärztin nach unten gedrückt "SO FEST SIE KÖNNEN... NOCH FESTER", ermutigt sie ihn. Ich habe das Gefühl ich zerreiße innerlich. Es wird mir schon nichts passieren. Aber dem Baby... NEIN!!

"Ist die Fruchtblase schon geplatzt?", die Stimme der Ärztin. "Da drüben war sehr viel Flüssigkeit", entgegnet ihr die Hebamme. "Nein, ist sie nicht. Wir werden sie nun sprengen." Ich spüre immer weniger. Hatte mir die Ärztin als sie hereinkam doch etwas gegeben, obwohl ich so heftig protestierte und keine Medikamente nehmen wollte. Ich weiß es bis heute nicht. "Wie groß wurde das Baby denn geschätzt?"..."Es tut sich noch zu wenig."..."Vielleicht hat sich das Baby verhakt."...."Ein Sternengucker womöglich?" Eine weitere Ärztin stellt sich mir vor. Auch sie lächelt mich an. Es wird schon nichts schief gehen, dafür sind hier zu viele Ärzte, richtig? Alle lächeln.

"Wir werden nun einen Dammschnitt vornehmen"...erneut reiße ich mir die Sauerstoffmaske vom Mund: "NEIN! Lieber reißen lassen." Auf meinen erneuten Protest fand die Ärztin deutliche Worte, sodass mir klar wurde, dass es keine Diskussionen mehr geben würde und nun alles ganz schnell gehen musste: "Frau S., wir haben keine Wahl. Ihr Baby MUSS bei der nächsten Wehe kommen."

Ein Seil wird über meinen Rippen gespannt. Mit voller Wucht wirft sich die Ärztin auf mich, drückt ihren Unterarm meinen Bauch entlang nach unten. SCHMERZEN!! War es der Schnitt, waren es meine Rippen, der nicht mehr auszuhaltende Druck, der mich fast platzen ließ... SCHMERZEN! Ich kann sie nicht zuordnen. Noch immer habe ich meine Augen geschlossen.

"Bitte richten Sie mir die Kiwi." Ich denke mir nichts dabei. Wie weggetreten! Nehme alles nur noch wie im Film wahr! Alles zieht vorüber! "Nur noch 1 Mal pressen." Ich sammle alle meine Kräfte und in all dieser Zeit öffnete ich erst zum 2. Mal meine Augen und... sehe unser Baby!! Unter Tränen schaute ich in diese blauen Augen und werde diesen AugenBLICK sicher nie mehr vergessen. Doch noch einmal wurde ich aus diesem Glücksgefühl gerissen, als ich bemerkte, dass etwas fehlte!! "Warum schreit es nicht?", fuhr es aus mir heraus. Sekunden später, der erlösende Schrei.

2:20 Geschafft!
Mein <3Mann küsste mich immer und immer wieder und aus seinen Augen sprach eine tiefe Bewunderung, wie ich sie noch nie zuvor wahrgenommen hatte. Er sagte mir, wie stolz er auf mich sei und wir genossen diese ruhigen Minuten im Kreißsaal. Endlich war sie da, die Atmosphäre wie ich sie mir ausgemalt hatte. Sanftes Licht, tiefe Gefühle, Wärme, Zufriedenheit, LIEBE!

Die Nachgeburt war gefühlt mit einem Husten beendet und die Dammnaht vollzog sich ebenfalls kaum merklich, dank dieses kleinen Wunders mit seinen strahlend blauen Augen, das fast während der gesamten Zeit auf meinen Armen lag. Wir waren nun eine Familie! Eine kleine, glückliche Familie!

Stunden darauf merkte ich bereits, dass ich mich in dieser gesamten Krankenhausatmosphäre unwohl fühlte. Mein Baby ebenfalls. Die Nächte waren ohne meinen <3Mann kaum auszuhalten - lagen wir doch normalerweise in einem 1,40er-Bett aneinander gekuschelt - und entsprachen so gar nicht meinem großen Wunsch, die erste Zeit als Familie ganz und gar genießen zu können. So dauerte es nicht lang, dass ich beschloss, mich vorzeitig entlassen zu lassen, um mich zuhause in aller Ruhe von meiner lieben Hebi umsorgen zu lassen, die U2 wie bereits abgesprochen vom Kinderarzt zuhause durchführen zu lasen und mich gemeinsam mit meinem Schatz um unser kleines Wunder kümmern zu können. Laut Entlassungsuntersuchung waren sowohl Mats als auch ich nach nur 2 Nächten bereit die Klinik zu entlassen. Wieder vertraute ich vollkommen auf die Einschätzung der Ärzte.

Zuhause angekommen, fühlten wir uns gleich viel wohler und genossen diese wunderbaren ersten Momente mit unserem Baby. Doch gleichzeitig übermannten mich mit einem Mal, nun da die ersten überschwänglichen Endorphine etwas abgeflacht waren, die Schmerzen. Meine Hebamme schaute verdutzt, als sie las, dass meine Wundheilung als "gut" bezeichnet wurde, noch entsetzer war sie nur, als ich ihr erzählte, dass mir lediglich Stillpositionen im Sitzen beigebracht wurden, ich dort fast den ganzen Tag im Bett aufrecht saß und dazu angehalten wurde, mein Baby nachts halbstündlich zu wickeln, da der Windelinhalt nicht den Wünschen der Nachtschwester entsprach und die Temperatur regelmäßig kontrolliert werden sollte.

Es verging kein Tag an dem nicht das Thema der Geburt aufkam. Gemeinsam mit ihr versuchte ich all die Fragmente zusammenzusetzen, versuchte zu verstehen, was nacheinander geschehen war, warum alles auf einmal so plötzlich ging und meine Traumgeburt, wie ich sie mir zuvor ausmalte, dahin war. Denn erst zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich, dass unser geliebtes Baby bei der letzten Wehe mit einer kleinen Saugglocke geholt wurde. Die ominöse Kiwi war also eine Saugglocke. Dies wurde weder von der diensthabenden Hebamme noch von der Ärztin mit einem Ton erwähnt.

Immer mehr hatte ich das Gefühl, dass alles an mir vorüber gezogen war und ich viel zu wenig von diesem eigentlich doch so wunderbaren Moment der Geburt mitbekommen hatte. Doch da stand es schwarz auf weiß:

  • Vakuumextraktion vom Beckenausgang mit 41+1 SSW aus II. vorderer HHL.
  • Geburtseinleitung am 28.10. mit Amniotomie und Ballonkatheter wegen Terminüberschreitung bis 42. SSW. 
  • Indikation zur operativen Entbindung: pathologisches CTG.
  • Mediolaterale Episiotomie.
  • Placenta vollständig. Blutverlust 250ml. 

Dazu Kristeller-Handgriff, Infusion, Gebärliege, Sauerstoffmaske, all das hatte in meiner eigentlichen Traumvorstellung von einer Geburt so überhaupt nichts zu suchen. All das gab mir das Gefühl versagt zu haben. 

Noch Tage danach nahm ich mein Handy mit einem Zittern in die Hand - zu nah war die Erinnerung an die Momente, in denen ich in der Stille alleine gegen die Wehen ankämpfte, das Handy in der Hand mit Blick auf den Wehen-Timer. Zu nah die Erinnerung an die Nachrichten, die ich mit zitternder Hand schrieb, in der Hoffnung, dass mein Schatz bald kommen würde.

In den Wochen darauf litt ich zweifellos an einem Geburtstrauma. Immer und immer wieder kamen in ruhigen Momente die Bilder auf, die Fragen zermahlten meinen Kopf. Immer und immer wieder waren es meine Familie, mein <3 und meine Hebamme, die mir halfen all die Gedanken zu ordnen.

Ihr Lieben, viele von euch wundern sich nun bestimmt, warum ich mit meiner Geburt so zu hadern hatte, denn allzu oft entgegneten mir Menschen mit den Worten "zumindest gings schnell..."...  "nur 1 Stunde im Kreißsaal, ist doch klasse! Ich lag 24 Stunden in den Wehen..."... "Bei mir wars ein Kaiserschnitt". Für mich ging es einfach ZU schnell. Zu groß war die Angst die Geburt alleine durchstehen zu müssen. Zermürbend die Angst um unseren Sohn, dessen Herzschlag mit jeder Wehe absackte. Zu schnell musste ich mich Minute für Minute auf wieder neue Gegebenheiten einstellen. Erschreckend wie unpersönlich dies alles von statten ging.

Selbstverständlich verstehe ich, dass selbst die Kapazitäten eines noch so großen Krankenhauses mit 19 Geburten in einer Nacht irgendwann einmal erschöpft sind und in solch einem Fall kein Einzel- bzw. Familienzimmer garantiert werden kann. Dennoch DARF die Verfügbarkeit von Ärzten und Hebammen NICHT und zwar zu KEINEM ZEITPUNKT erschöpft sein!! Dass mein <3 erst so spät zu mir kam - an der Türe wartend bis ihm endlich jemand aufmachte - hätte vermieden werden können!! Die Sorge um unseren Sohn, da zunächst kein Arzt erreichbar war, ebenfalls!! Nachvollziehbar ist auch, dass die Hebamme in dieser Ausnahmesituation selbst überfordert war. Während Schwangerschaft und Nachsorge war ich von unglaublich tollen, bereichernden Hebammen umgeben, denen ich komplett vertraute und die eine solche Ruhe ausstrahlten, dass ich sogar in Erwägung gezogen hatte, zur Geburt in ein Geburtshaus zu gehen, wäre da nicht die Diagnose der Gestationsdiabetes gewesen. Schade, dass ich genau zur Geburt an eine Hebamme geraten war, die - leider muss ich das so krass sagen - keinerlei Unterstützung für mich darstellte, die ich Mal um Mal bitten musste, ihre Äußerungen zu wiederholen, da ich sie mit ihrem doch sehr starken Akzent einfach nicht verstanden habe. Wer mich kennt, weiß, dass ich eine sehr sehr tolerante Person bin, doch während der Ausnahmesituation einer Geburt muss garantiert sein, dass ausreichend Deutschkenntnisse vorhanden sind und man ebenfalls zwischen sprachlichen Nuancen unterscheiden kann und die Patienten nicht unnötig durch schroffe Äußerungen in Panik versetzt werden.

Doch das, was mich am meisten schockierte, war, dass wir im Nachhinein NIE über die genauen Vorgänge während der Geburt aufgeklärt wurden!! Es fand weder ein Nachgespräch mit der Ärztin noch mit der Hebamme statt. Noch heute weiß ich nicht, ob mir Medikamente verabreicht wurden. Die Visite wurde von einer Vertretung durchgeführt - kein Wort zur Geburt wurde verloren. Ihr könnt euch vorstellen wie ich aus den Wolken fiel, als erst Tage danach ganz beiläufig von meiner Nachsorge-Hebamme erwähnt wurde, dass Mats mit einer Saugglocke geholt wurde!! Selbst die Bitte eines offiziellen Gespräches mit der Oberärztin zu den Vorgängen während der Geburt wurde abgelehnt, mit dem Hinweis, dass mir zunächst eimmal das Geburtsprotokoll genügen würde. Und dabei wäre alles so einfach gewesen: Mit einem klärenden Gespräch hätten bereits am Tag nach der Geburt alle meine Fragen beantwortet werden können und viele viele Gedanken und Sorgen wären mir erspart geblieben!!

Ihr Lieben, niemals hätte ich die Gesundheit unseres Sohnes gefährdet, sodass ich alles, was schließlich nötig war, um eine Sauerstoffunterversorgung zu vermeiden, über mich ergehen ließ. Zu keinem Zeitpunkt habe ich dies je bereut, wenn ich in seine Augen blicke und diese Liebe mir entgegen strahlt!!

Doch an dieser Stelle möchte ich einfach auch einmal sagen, dass all die vorherrschenden Meinungen zum Thema Schwangerschaft, Geburt und Erziehung oftmals so erdrückend sind, dass dies sicherlich auch ein Grund war, warum ich von Versagensängsten geplagt wurde und mit all dem so haderte.
Lieber Stillen als Flasche, lieber Dammriss als Dammschnitt, lieber Olivenöl als Cremes, lieber Mamas Finger als Schnuller, lieber Beistellbett als Familienbett, lieber Wolle als Baumwolle, lieber Wasser als Feuchttücher, lieber natürliche Geburt als Kaiserschnitt, wobei jeweils Letzteres dabei stets als absolutes No-Go stigmatisiert wird!! Nicht etwa als ALTERNATIVE, nein als "wie kannst du nur"!! Selten sind Menschen so wertend wie bei diesen Themen, bei denen es offensichtlich für Viele nur schwarz oder weiß gibt. Gänzlich verpönt sind NATÜRLICH ebenfalls Saugglocke, Geburtszange & Co.

Selbstverständlich darf jeder seine eigene Meinung zu obigen Themen haben und diese auch kundtun. Selbstverständlich habe auch ich auf die Erfahrung von Hebammen und Ärzten vertraut und mein Bestes getan, um einiges davon auch genauso umzusetzen, wie es das Lehrbuch vorschreibt - zumindest anfangs... bis ich schließlich auf mein Bauchgefühl hörte. Und doch hilft eine solche Stigmatisierung keinem wirklich weiter. Sich davon frei zu machen, sicherlich ein gut gemeinter Tipp und doch war es mir beim Thema der Geburt, die für mich einfach zu wichtig war, als dass ich hierbei hätte Kompromisse eingehen wollen, nicht möglich. Und so habe ich mich wohl selbst betrogen, als ich in die Geburt ging "ohne festen Geburtsplan", "offen für etwaige Maßnahmen", "abwartend was kommen möge", da ich - eingepeitscht von all den Gesprächen im Voraus - offensichtlich doch eine sehr genaue Vorstellung von meiner Traumgeburt hatte:

Es ist Nacht, wir schlafen. Auf einmal weckt mich ein durchdringender Schmerz. Ich weiß: es ist soweit! Ich stehe auf, gehe ins Wohnzimmer. Setze mich auf meinen Gymnastikball, lege die Yoga-Musik ein, dich mich die letzten Wochen begleitete, veratme Mal um Mal die immer heftiger werdenden Wehen. Ich bemerke, dass nun der 8-Minuten-Takt begonnen hatte, wecke meinen Schatz. Zuvor hatte ich die Wehen problemlos alleine veratmen können. Wir fahren ins Krankenhaus, draußen tiefe Nacht, um uns nur die Lichter der Stadt. Im Krankenhaus angekommen, empfängt uns meine Lieblingshebamme, die die Tage zuvor immer die CTGs begleitet hatte. Wir gehen in Kreißsaal, alles ist wie ich es mir vorgestellt hatte. Nun war es soweit, es konnte nicht mehr lange dauern... es konnte nichts schief gehen...



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