Geburtsbericht [Geburt -18h]


...FORTSETZUNG

Hier sitze ich nun, neben mir mein Stilltee, im Tragetuch unser inzwischen gar nicht mehr so kleines großes Wunder, im Radio das wunderbare Lied "Wasn't expecting that"... und passender könnte die Atmosphäre wohl kaum sein, um endlich auf Papier zu bringen, was die ersten Wochen über in Dauerschleife durch meinen Kopf ging.

Stimmen, Freude, Unverständnis, Wortfetzen, Erleichterung, Tränen, Wut, Glückseligkeit, Stolz...

Um dem Gedankenchaos ein Ende zu setzen, scheint es mir das einzig Richtige die Stunden vor der Geburt Revue passieren zu lassen und all die Fragmente zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen. Alle Puzzleteile liegen direkt vor mir - der Patientenbericht des Krankenhauses, die Uhrzeiten, die exakt in der Rechnung aufgeführt sind, die vielen Erkenntnisse, die ich durch die Gespräche mit meinem Schatz und meiner lieben Hebamme gewonnen habe, vermischt mit meinen ganz persönlichen Erinnerungen - und doch tue ich mich so unglaublich schwer damit.

Die Tage vergehen und immer wieder sitze ich an dem Blogpost, finde aber nicht die richtigen Worte. Ein letzter Versuch... heute! hier! jetzt!


Mittwoch, 29.10.2015 [heute minus 18 Wochen]

8:00 ET plus 7:
Der Moment, den ich so gerne vermieden hätte - der Tag meiner Einleitung. Alles habe ich versucht (Der Versuch eines Geburtsberichtes), doch nun wurde das 10-monatige Warten mit einem Mal abrupt beendet und alle Überredungsversuche den Kleinen doch von alleine kommen zu lassen, scheiterten kläglich an der Diagnose Gestationsdiabetes...

9:00 Ankunft im Krankenhaus:
Den Weg hin zur Entbindungsstation beschritt ich mit gemischten Gefühlen. Wie gerne wäre ich diesen Weg entlang 'gespurtet', nun aber lief ich in aller Seelenruhe den Weg entlang, den ich auch die Tage zuvor immer und immer wieder zu den CTGs gegangen war. Und gleichzeitig war ich voller Spannung endlich in wenigen Stunden unser geliebtes Knöpfchen in den Händen zu halten.

9:20 CTG #1
Das Fünkchen Hoffnung, das noch in mir loderte, dass nun beim CTG endlich, endlich die lang ersehnten Wehen im 5-Minuten-Takt auftauchten, wurde mir spätestens um 9:21 genommen... NICHTS... zumindest nichts, was die Ärzte von einer Einleitung abgehalten hätte.



9:40 Geburtseinleitung
Auch wenn man der Ärztin zweifellos anmerkte, dass sie liebend gerne - dem übervollen Wartezimmer nach zu urteilen - die üblichen Tabletten gegeben hätte, so ließen wir nicht locker und befragten sie ausführlich zur Balloneinsetzung, der Methode, die uns unsere Hebamme als eine der neuesten und natürlichsten ans Herz gelegt hatte. Durch den Druck, den der mit Flüssigkeit befüllte Ballon auf den Muttermund auslöst, werden auf ganz natürliche Art und Weise vom Körper Hormone, wie Oxytocin und Co, produziert, die die Wehen schließlich auslösen. Generell schien mir diese mechanische Einleitung für mich persönlich passender als jegliche pharmakologische, da mein Körper trotzalledem den Startschuss gibt. Und für naturheilkundliche Spielereien blieb mir leider keine Zeit, da die Ärzte keinen weiteren Tag verstreichen lassen wollten.

10:00 Balloneinsetzung:
Es war soweit: der Ballonkatheter wurde eingesetzt! Wenngleich mir zuvor das Einsetzen als etwas unangenehm beschrieben wurde, so muss ich sagen, dass ich keinerlei Schmerzen verspürte (eine der beiden Eipollösungen der letzten Tage war da doch deutlich schmerzhafter...). Das Gefühl, nun mit einem "Ballon" herumzulaufen, war entgegen meiner Vorstellung anfangs zwar etwas ungewohnt, allerdings keineswegs störend oder unangenehm.

Verabschiedet wurde ich von der Ärztin mit den Worten, dass diese Form der natürlichen Einleitung nun mindestens 24 Stunden dauern würde bis die ersten Wehen auftraten. Es war mir allerdings nicht klar, dass ich ab diesem Moment das Krankenhausgelände nicht mehr verlassen durfte und ich bereits ein Zimmer zugewiesen bekam, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass (verständlicherweise) erst das Baby der Schlüssel zum Familienzimmer ist...

Im Zweibettzimmer angekommen, erwartete uns eine sympathische junge Familie, deren kleine Tochter gerade einmal ein paar Stunden alt war. Allerdings auch Oma, Opa, Tanten, Onkels, Neffen, Nichten und Cousins, die sich lautstark unterhielten und das Zimmer belagerten. Da gab es nur eines: ICH MUSSTE HIER RAUS!! Und so suchten mein <3 und ich uns die ganze Zeit über ruhige Plätzchen auf dem Klinikgelände, gingen spazieren und warteten Stunde um Stunde...

13:01 CTG #2 
Gerade einmal 1 1/2 Stunden hat es gedauert, und da waren sie: Schöne, kräftige Wehen, allerdings noch in viel zu unregelmäßigen Abständen, jedoch ließen sie bereits erahnen, was auf uns zukommen sollte. Ich hätte nicht glücklicher sein können!! Jede Wehe wurde mit einem Grinsen belohnt, eine große, große Erleichterung fiel von meinen Schultern und schon jetzt übte ich fleißig die Wehen zu veratmen.

'HOW TO...': Wehen veratmen
Für alle Nicht-Yoga-Mamis mag das Folgende mehr als befremdlich klingen:

 ... EINATMEN ["sat"].... Laaaaaaange AUSATMEN ["nam"]...

Zwei Worte, die einen durch die Wehen tragen sollen? Schmerzen ertragen durch kontrolliertes Atmen?

Zugegebenermaßen hätte ich zuvor auch jeden für verrückt erklärt, der mir mit solchem HOKUSPOKUS ankam!! Doch einzig und allein die Konzentration auf dieses Mantra, der Fokus auf das innere Auge (Punkt zwischen den Augen) und der Versuch des möglichst langen, regelmäßigen Ausatmens halfen diese enormen Kräfte, die mein Körper zu Tage brachte, kontrollieren zu können. Ich war in einem absoluten Meditationszustand für die Minute der Wehe und atmete ruhig und vollkommen konzentriert vor mich hin. Und das bis zur Geburt: Kein Tönen, keine Schreie, all das hätte mich nur verwirrt. Mein Mann immer an meiner Seite, war schon jetzt voll der Bewunderung, massierte mich und lenkte mich in den Pausen ab, um möglichst entspannt in die nächste Wehe starten zu können. Ich fühlte mich gut, trotz der immer härter werdenden Anstrengung.

15:58 CTG #3
STATUS: unverändert

20:05 CTG #4
STATUS: auf einmal waren kaum mehr Wehen zu verzeichnen...

Dann der Schockmoment!
Sollte das nächste CTG nicht "geburtsbereit" aussehen, wurde mein Schatz freundlich darüber in Kenntnis gesetzt, dass er das Krankenhaus verlassen musste.

Damit hatten wir nicht gerechnet!
10 Monate lang war er immer für mich da, hat keinen Frauenarzttermin verpasst, alle Momente der Freude, des Zweifels und der Sorge miterlebt. Sollte es wirklich so weit kommen, dass ich nun die Stunden vor dem wohl wichtigsten Moment alleine verbringen, die Wehen alleine veratmen musste? Erneut das Stoßgebet, den immer selben Satz: Bitte, bitte, liebes Knöpfchen, komm zu uns...


22:35 CTG #5
WEHEN! Immer heftiger! Immer schneller aufeinander! Dann Pausen! Wieder! PAUSEN!

..."noch nicht geburtsbereit"... "noch kein 3-Minuten-Abstand"... Doch schon jetzt lag ich zitternd auf dem Bett. ..."eine Art Muskelkater, durch die Kontraktionen der Gebärmutter verursacht"... Ein komisches, beängstigendes Gefühl seinen Körper nicht kontrollieren zu können. Und mir war kalt!  Alle Decken und Westen halfen nichts... eisig kalt! Obwohl ich die Wehen weiterhin problemlos veratmen konnte, merkte ich zusehends, wie anstrengend all das für meinen Körper war.

Alle Überredungsversuche an Hebammen und Krankenschwestern gerichtet - vergebens! Mein <3 Mann musste gehen. Als die Nachtschwester immer eindringlicher betonte, wie sehr ich einen fitten Mann an meiner Seite benötigte und wie lange ("mindestens noch 10 Stunden") es noch dauern würde bis sich der Muttermund weiter öffnete, taten wir unsere Idee des Nickerchens in Foyer oder Auto ab. Im absoluten Vertrauen auf die langjährige Erfahrung der Ärzte und Hebammen verabschiedeten wir uns..

10 Monate unzertrennlich... bis jetzt!
Vereint durch unsere große Liebe und das Warten auf unseren Sohn... bis jetzt!

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